Was wissen wir: Kürzungen an Universitäten in den Geistes- und Sozialwissenschaften

In Brasilien spielt die Soziologie seit Jahren eine bedeutende Rolle. Ein der ersten Präsidenten nach der Militärdiktatur war mit Fernando Henrique Cardoso (von 1995 bis 2003) ein Soziologe. Viele Soziolog*innen haben wichtige Aufgaben in staatlichen Institutionen Brasiliens gespielt (vgl. Glaucia Villas Bôas [pdf]). Selbst auf der brasilianischen Fahne hat sich der Wahlspruch eines der bedeutendsten Soziologen und Philosophen des 19. Jahrhunderts eingeschrieben (was man auch immer von ihm halten mag): Auguste Comtes „Ordem e progresso„. Der Wind zugunsten der Geistes- und Sozialwissenschaften hat sich allerdings mit der Wahl Jair Bolsonaros gedreht. Bereits früh wurde gefordert die geisteswissenschaftlichen Fächer zu entpolitisieren (ZEIT Online):

Genau wie Lehrer, die durch das Programm „Schule ohne Partei“ verunsichert würden, das dazu aufruft, geisteswissenschaftliche Fächer zu „entpolitisieren“. Sie erzählen, dass im Vorfeld der Wahl prodemokratische Veranstaltungen an Universitäten verboten wurden.

Die „Entpolitisierung“ der Sozial- und Geisteswissenschaften (sowie des Unterrichts in der Schule) richtet sich dabei besonders gegen „linke“ Wissenschaftler*innen, wie z.B. in den Gender-Studies (vgl. unser Beitrag über Feminismus). Konsequenterweise hat Jair Bolsonaro am 26.04.2019 über Twitter angekündigt, dass die Kosten für Sozial- und Geisteswissenschaften gekürzt werden sollen. Stattdessen sollen solche Wissenschaften gefördert werden, die einen direkten Nutzen versprechen (also besonders angewandte Wissenschaften, wie die Ingenieurwissenschaften).

Um diese Pläne durchzusetzen wurde bereits die Hälfte der Budgets der Universitäten eingefroren, wovon besonders Studierende, die ein Stipendium erhalten, und Mitglieder des Mittelbaus betroffen sind (Deutschlandfunk Nova). Wie Deutschlandfunk Nova berichtet, kam es bisher noch nicht zu großen Protesten, aber die Maßnahme bleibt umstritten. Unklar ist ob er für diese Maßnahme eine Mehrheit im Parlament finden kann. Die Kürzungen um 30% an Mitteln für drei Universitäten werden dabei mit schlechter Leistung und politischer Voreingenommenheit der betroffenen Universitäten begründet. Das dabei die (auch international) am besten bewerteten Universitäten des Landes betroffen sind, scheint keine Rolle zu spielen (NYT). Die AP (im zitierten NYT Artikel) fasst das ganze so zusammen:

During the campaign, Bolsonaro said he wanted to „enter the Education Ministry with a flamethrower to remove Paulo Freire,“ referring to the late Brazilian educator whose ideas — derided by critics as Marxist — had worldwide influence.

AFP weist (Macau Buisness) darauf hin, dass gerade an diesen drei Universitäten Proteste gegen Bolsonaro stattfanden:

The institutions targeted by the annual budget cuts — the Federal University of Bahia in the northeast (UFBA), Fluminense Federal University (UFF) in Niteroi near Rio de Janeiro, and the National University of Brasilia (UNB), recently hosted anti-fascism demonstrations or debates involving left-wing politicians.

Das Ziel scheint klar zu sein, aber die genauen Maßnahmen bleiben für uns noch etwas diffus. Welche Einrichtungen und Fächer sind tatsächlich konkret betroffen? Bisher wird über Kürzungen von Mitteln der Soziologie und der Philosophie gesprochen, welche weiteren Fächer könnten betroffen sein? Werden alle Mittel dieser Fächer gestrichen oder betrifft dies bestimmte Wissenschaftler*innen und Positionen?

Gegen die Maßnahmen richtet sich bereits Protest. Verschiedene Fachgesellschaften haben ihre Gegnerschaft gegen diese Maßnahme ausgedrückt. Dabei in einer gemeinsamen Stellungnahme die:

  • American Philosophical Association
  • American Sociological Association
  • Associação Nacional de Pós-Graduação em Filosofia
  • Association of American Colleges and Universities
  • Australasian Association of Philosophy
  • British Philosophical Association
  • Canadian Philosophical Association
  • International Sociological Association
  • Sociedade Brasileira de Sociologia

Ein offener Brief der Wissenschaftler*innen Sergio Tenenbaum (University of Toronto), Alice Pinheiro Walla (Universität Bayreuth) und Caterina Dulith Novaes (VU Amsterdam) hat bereits fast 3000 Unterschriften. Eine eigene ausführlichere Stellungnahme hat die British Philosophical Association abgegeben, in der sie auf ichtige Philosoph*innen aus Brasilien hinweisen:

Brazil has been home to generations of distinguished philosophy scholars: Paulo Freire, Oswaldo Chateaubriand, Newton da Costa, Walter Carnielli, Itala D’ottaviano, Vladimir Safatle, Ana Paula Cavalcanti Simioni to name but a few.

Die Brazilian Logic Society entkräftet in einer Stellungnahme die Argumente, die für die Kürzungen angeführt werden:

Of course, it would be just naïve to say only philosophy and sociology are capable of producing “critical” and “conscious” thinking, or to try to defend their “usefulness”. In any area, knowledge is above all useless, however only in the specific sense its main product is not immediate or material. Indeed, in contact with the real world and by taking hold of the knowledge made available by other people in all areas, thought autonomy and critical awareness are the results of knowledge.

Darüber hinaus weist sie auf die Bedeutung der Philosophie und Soziologie für die Frage nach Staatsbürgerschaft hin:

Anyone who thinks also philosophizes, even though one may not know it. Anyone who ponders upon the practical conditions of his or her professional activity in the context of his or her community is always thinking sociologically as well. Philosophy and sociology do add method and self-awareness to the curious impulse of willing to know that is the life of knowledge. In truth, since Socrates to our days, to ask why we should prefer the answers to the questions ends in shaking the foundations of uncritically held beliefs.

The mighty and powerful of all times and places usually do not tolerate questions of such a nature. And it is our responsibility as citizens and members of the Brazilian academic-scientific community to keep this question alive.

Eine ausgereifte Verteidigung der Philosophie und der Soziologie liefert auch The Guardian:

The principles of liberal democracy are threatened by thuggery, but also by some forms of intellectual assault. If they are to be defended, and their practice improved, we need more philosophers and sociologists. It is the subjects of least obvious use that may prove of ultimate value.

Kürzungen betreffen allerdings nicht nur die Wissenschaften, sondern auch zunehmend Kultureinrichtungen (amerika21 und ZEIT Online).

Werbeanzeigen

Analyse: (Rezension) Heleieth Saffioti (1978): Women in Class Society. Monthly Review Press: New York und London

In den letzten Jahren wird „dem“ Feminismus immer häufiger vorgeworfen die soziale Frage zu vernachlässigen. Fragen der Ökonomie spielen (angeblich) keine große Rolle in der feministischen Literatur. Wir wollen in diesem kleinen Text eine Studie vorstellen, die ein frühes Beispiel eines marxistischen Feminismus in Brasilien ist. Heleieth Saffioti (1934-2010) hat in ihrer Dissertation 1968 eine erstaunliche Analyse der Geschlechterverhältnisse im brasilianischen Kapitalismus vorgelegt. Für die englische Ausgabe (1978 erschienen) hat Heleieth Saffioti kleine Überarbeitungen eingefügt. Dabei hat sie verschiedene Kapitel aktualisiert und andere gekürzt, bzw. gestrichen (hier besonders jenes über die Sufragettenbewegung). Das Buch teilt sich in drei Teile, die vom Allgemeinen zum Konkreten und wieder zurück gehen sollen. Der erste Teil erläutert allgemein, wie die Rolle von Frauen in der Klassengesellschaft ist. Im zweiten Teil wird die Entwicklung der Unterdrückung von Frauen in Brasilien erläutert. Schließlich werden im dritten Teil diese Erkenntnisse zu einer Theorie der Unterdrückung von Frauen in der Klassengesellschaft synthetisiert.

Der erste Teil des Buches (S. 11-91) versucht allgemein das Thema Frauen und Kapitalismus zu beleuchten. Das erste Kapitel widmet sich dabei Fragen der allgemeinen Beschaffenheit kapitalistischer Gesellschaften. Wesentlich ist die Entfremdung der Menschen von den Ergebnissen ihrer Arbeit durch die Art der Produktion von Waren, wie sie Karl Marx beschrieben hat. Dadurch bilden sich zwei Klassen, die sich gegenüberstehen und durch ihre ökonomische Lage in Verhältnis zu den Produktionsmitteln bestimmt sind. In dem ökonomischen System sind die Arbeiter Käufer von Waren, als auch Verkäufer einer speziellen Ware, ihrer Arbeitskraft. Insofern zeichnet sich die Gesellschaft in ökonomischer Hinsicht durch Konkurrenz aus, weshalb Saffioti kapitalistische Gesellschaften für Konkurrenzgesellschaften hält. Neben der Strukturierung der Gesellschaft durch Klassen besteht allerdings weiterhin eine, auch schon vorkapitalistisch bestehende, nach dem sozialen Status. Sozialer Status stratifiziere die Gesellschaft nach anderen Merkmalen als dem Verhältnis zu den Produktionsmitteln. Beispiele dafür sind die Aufteilung von Menschen nach rassistischen Kriterien und die Unterdrückung von Frauen. Im Gegensatz zum Klassengegensatz, würde die Gesellschaft durch die Zuweisung von Statusunterschieden integriert. Unterstützt wird dies durch die Ideologie, dass die eigene Position nur durch Leistung erreicht wurde. Somit helfen Statusunterschiede das System insgesamt zu erhalten, indem sie ökonomische Ungleichheiten verschleiern und diese fehlerhaft als natürlich und nicht sozial gegeben erscheinen lassen. Geschlecht ist dabei eine Kategorie, die dialektisch auf die Erhaltung des Kapitalismus wirkt:

„sex as a factor of social stratification which at one and the same time expresses and negates the relations of production.“ (S. 28)

Kapitel 2 beleuchtet die Schwierigkeit soziale Verhältnisse im Kapitalismus zu analysieren. Zunächst wären einfache religiöse Antworten nicht mehr verfügbar, zum anderen aber würden sich durch die Klassenspaltung auch unterschiedliche Wahrnehmungen der Realität ergeben, die nicht einfach zu integrieren sind.

Das dritte Kapitel versucht die Rolle, die Frauen in der Entwicklung des Kapitalismus gespielt haben, zu untersuchen. Frauen hatten immer eine große Rolle bei der Produktion ökonomischer Güter gespielt. Sie genossen in mittelalterlichen Gesellschaften (Europas) sogar recht große Freiheiten selbst ökonomisch tätig zu werden. Gleichzeitig waren ihnen politische Tätigkeiten verwehrt. Mit Beginn der Industrialisierung änderte sich dies. Frauen sollten weiterhin keine politischen Rechte haben, aber auch keine ökonomischen mehr. Sie sollten wesentlich noch kostenlose Reproduktionsarbeit erledigen oder schlecht bezahlte Hilfsarbeiten. Die ungleichen Möglichkeiten sich am ökonomischen Wettbewerb zu beteiligen müssten aus den Produktionsverhältnissen selbst verstanden werden:

„Some members of any historically specific society may appear to be marginalized from the relations of production because of race or sex; but why just these traits are singled out as social stigmata is a question the answer to which must be sought in the relations of production themselves.“ (S. 39)

Begründet wird dieser Ausschluss mit der Funktion von Frauen als Mütter. Gegner der Emanzipation von Frauen führten an, dass diese nicht in der Lage wären bestimmte Aufgaben zu übernehmen, außerdem müssten Frauen irgendwann Kinder großziehen und im Haus Reproduktionsarbeiten erledigen. Tatsächlich zeigt sich aber, so Saffioti, dass Frauen die gleichen Tätigkeiten, wie Männer erledigen und auch nicht durch Kinder davon aufgehalten werden. Sie werden lediglich schlechter bezahlt. Die Ideologie dahinter nennt Saffitoti „Feminine Mystique“. Diese steht im Mittelpunkt der Auseinandersetzung um die Rolle von Frauen im Kapitalismus. Sie betont allerdings, dass die Emanzipation von Frauen gleichzeitig eine Emanzipation von Männern wäre, da diese auch durch den Kapitalismus von der Entfaltung ihrer Fähigkeiten abgehalten würden. In der gewerkschaftlichen Arbeit hat sich dies sehr unterschiedlich gezeigt. Einige Gewerkschaften hätten versucht auch die Rechte von Frauen zu stärken, andere nicht. Dies hängt stark vom Organisierungsgrad von Frauen ab, der je nach Branche unterschiedlich ist. Allerdings wurden sie größtenteils aus Gewerkschaften ausgeschlossen. Dies führt dazu, dass sowohl die Arbeitnehmer*innenrechte von Frauen, als auch von Männern geschwächt wurden, da die nicht werktätigen Frauen jederzeit für den Arbeitsmarkt mobilisiert werden konnten, wie die Beispiele der Weltkriege zeigen:

„The marginalization of women from the class structure, rationalized through the ‚masculinity complex‘ and the ‚feminine mystique,‘ makes both men and women more or less unconscious vehicles for the exploitation of their own labor in class society.“ (S. 72)

Das abschließende vierte Kapitel des ersten Teils, behandelt die Antworten, die durch sozialistische Ideen für das Problem beigesteuert wurden. Besonders die Reproduktion von Arbeitskraft in der Familie ist dabei ein wichtiges Thema. Es gäbe bisher keine adäquaten Antworten auf dieses Problem. Die Familie spiele eine wichtige Rolle in der Reproduktion des Kapitalismus, würde sie radikal verändert werden (was ihr vorschwebt), könnte sich der Kapitalismus so nicht halten. Wichtige Eckpunkte für einen Wandel der Familienstruktur sind die Möglichkeit zur Scheidung und zum Schwangerschaftsabbruch. Wichtig sei es allerdings diese Probleme als Klassenfrage anzugehen. Zwischen der Situation von Frauen aus der Mittelklasse und jener von Frauen aus der Arbeiterklasse würden fundamentale Unterschiede bestehen. Frauen würden allerdings innerhalb des Systems der Lohnarbeit an einer „double oppression“ leiden, indem sie als Frauen und als Arbeiterinnen unterdrückt würden.

Der zweite Abschnitt des Buches befasst sich mit der konkreten Situation in Brasilien. Grundlegend für die Entwicklung der brasilianischen Wirtschaft seien der Kolonialismus und die Sklaverei gewesen (Kapitel 5). Dadurch, dass sich die Kolonialmacht (Portugal) nicht alleine administrativ durchsetzen konnte, war es für das Königreich notwendig partizipative Arrangements der Herrschaft zu finden. Das bedeutete natürlich nicht die Möglichkeit der Beteiligung an Entscheidungsprozessen für breite Bevölkerungsschichten, sondern die Delegation der Funktion der Ordnungsherstellung an einige wenige Mitglieder der Oberschicht, die hauptsächlich Landbesitzer waren. Diese Struktur bestimmt weiterhin die Wirtschaft Brasiliens. Gleichzeitig gab es nicht genügend Arbeitskräfte, um die Ressourcen des Landes auszubeuten. Daher wurde versucht, durch den Ankauf von Sklav*innen Arbeitskräfte zu beschaffen. Mit der globalen Durchsetzung der Lohnarbeit als Modus der Organisation von Arbeit begann sich immer mehr Widerstand gegen die Sklaverei zu entwickeln, bis diese 1850 abgeschafft wurde. Damit verbunden war allerdings nicht eine umfassende Emanzipation der ehemaligen Sklav*innen, sondern hauptsächlich eine Restrukturierung der Beziehungen. Wichtiger Faktor dieser Entwicklung ist die gleichzeitige Senkung der Steuern und sozialen Pflichten der Besitzenden, die zu einer massiven Verschärfung der sozialen Ungleichheit geführt hat.

Frauen trifft dabei je nach Klassenlage diese Entwicklung unterschiedlich (Kapitel 6). Sklavinnen waren besonders von sexualisierter Gewalt durch die Gutseigentümer betroffen, die neben ihren Ehen die Sklavinnen zu sexuellen Handlungen zwangen. Die Frauen der Gutsbesitzer, waren dabei gezwungen keiner Tätigkeit nachzugehen. Sie wurden massiv durch den Hausherren unterdrückt und gezwungen lediglich den erwünschten Tätigkeiten nachzugehen, worunter unter Umständen auch die Leitung des Haushaltes bestand. Trotzdem bot sich für junge Frauen keine Alternative zur Heirat, da ansonsten bereits ab ca. 20 Jahren ein sozialer Ausschluss drohte. Durch die Aufhebung der Sklaverei änderte sich schließlich entscheidend die Familienstruktur, da das Familienoberhaupt nicht mehr die Möglichkeit hatte Sklavinnen zu sexuellen Handlungen zu zwingen, wurde er wieder abhängiger von seiner Ehefrau. Die Rolle der Ehefrau wurde dadurch wieder gestärkt. Gleichzeitig wurde sie allerdings weiterhin von öffentlichen Tätigkeiten ausgeschlossen. Abseits der Haushalte der Besitzenden stieg allerdings die Armut. Mit der Durchsetzung der Lohnarbeit als universeller Arbeitsorganisation wurden daher auch vermehrt Frauen dazu gezwungen, für das Haushaltseinkommen arbeiten zu gehen. Dabei waren die Tätigkeiten allerdings stark nach Geschlechtern strukturiert. Frauen erhielten prinzipiell weniger Lohn, auch für die gleiche Arbeiten, und wurden den schlecht bezahlten Tätigkeiten zugewiesen. Sobald diese Einnahmen nicht mehr notwendig waren, wurden sie allerdings auch wieder beendet und teilweise auch durch Heimarbeit ersetzt. Saffioti zeigt für alle diese Tätigkeiten, dass der Mythos, Frauen wären schwächer oder könnten nur bestimmte Tätigkeiten erledigen, weil sie Mütter werden müssen, sich nicht empirisch belegen lässt. So wurde behauptet, dass Heimarbeit für Frauen gut sei, da diese dann auch die Kinder versorgen könnten, allerdings sind die meisten Frauen, die Heimarbeit verrichten, kinderlos. Gleichzeitig würden Frauen meist besonders schwere Aufgaben erledigen müssen, sodass sie auch nicht schwach sein könnten. Die Begründung für die Diskriminierung am Arbeitsmarkt müsse also eine andere sein. Die These dazu ist, dass sich durch die Unterdrückung von Frauen das ökonomische System reproduzieren könne, indem eine Strukturierung abseits von der ökonomischen angeboten wird, könnten Männer entstehende Probleme mit der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt externalisieren. Unterstützt wird diese Entwicklung durch die Beibehaltung des Machismo. Allerdings finden diese Entwicklungen nur Anwendung auf die industrialisierten und urbanisierten Gebiete.

In dem Prozess der Veränderung der sozialen Beziehungen spielte Bildung eine zentrale Rolle (Kapitel 7). Gerade der stark ausgeprägte Katholizismus in Brasilien hat lange eine Beteiligung von Frauen an formaler Bildung verhindert. Besonders die Koedukation (das gemeinsame Unterrichten von Mädchen und Jungen) wurde dabei von der katholischen Kirche abgelehnt. Paradoxerweise waren es allerdings zunächst Einrichtungen der Kirche, in denen Frauen formale Bildung erhalten konnten, in denen sie zu Nonnen ausgebildet werden sollten. Dadurch, das diese nicht an kanonisches Recht angekoppelt waren, konnten die Frauen nach der Ausbildung einfach wieder die Klöster verlassen. Gleichzeitig stieg aber durch die Industrialisierung der Bedarf an Qualifizierung, auch für Frauen. Dementsprechend wurden Forderungen nach Ausbildungsmöglichkeiten für Frauen erhoben. Besonders Handarbeit sollte dabei gefördert werden, damit die Frauen den häuslichen Tätigkeiten nachgehen konnten. Keineswegs sollten Bildungsmöglichkeiten für Frauen geschaffen werden, so waren auch weiterhin die meisten Frauen das 19. Jahrhundert über illiterat. Dies änderte sich allerdings zunehmend seit den 1870ern, in dieser Zeit eröffneten immer mehr Schulen, die Grundbildung für Frauen anboten und auch immer mehr Frauen erlernten grundlegende Fertigkeiten der Bildung (Schreiben, Rechnen etc.). Allerdings waren sie lange Zeit von sekundärer Bildung ausgeschlossen. Mittlerweile (also zum Zeitpunkt der Erstellung der Studie) erhalten immer mehr Frauen auch sekundäre Bildung und teilweise auch tertiäre Bildung. Diese jedoch in den Bereichen, die weniger Einkommen versprechen und als weiblich gelten (dazu gehört auch Musik). Frauen erhalten zwar immer mehr Möglichkeiten sich an Bildung zu beteiligen, dabei werden sie jedoch weiterhin diskriminiert. Kapitel 8 „The female workforce“ führt darüber hinaus aus, dass diese Entwicklungen auch durch internationale Wirtschaftsbeziehungen ausgelöst wurden. Durch die Einfuhr von Maschinen aus dem Zentrum kapitalistischen Wirtschaftens wurden einfache Arbeiten in den industriellen Zentren Brasiliens abgelöst, was wiederum zu Massenarbeitslosigkeit führte, die besonders Frauen betraf, verstärkt durch die nicht vorhandenen Möglichkeiten für Frauen die formale Bildung zu erhalten, die notwendig für die Bedienung der Maschinen ist.

Gegen den Ausschluss aus dem politischen Leben haben sich in Brasilien verschiedentlich Frauen organisiert (Kapitel 9). Besonders zwei Richtungen werden in dem Kapitel diskutiert. Erstens die bedeutendere Richtung des bürgerlichen Feminismus, der besonders mit dem Kampf um das Frauenwahlrecht eingesetzt hat. Dessen Forderung war ein größerer Zugang zu politischen und ökonomischen Prozessen. Nicht thematisiert wurde allerdings die durch die Struktur der kapitalistischen Arbeit bestimmte Entfremdung. Damit ist diese Richtung für Saffioti nicht ausreichend, aber ein Anfang. Da der Kapitalismus von der Ausbeutung von Frauen abhängig ist, würde er durch die Aufhebung dieser Unterdrückung auch selber in Schwierigkeiten geraten. Diesen Zusammenhang diskutiert die andere Richtung der Frauenbewegung in Brasilien, die sozialistische. Diese solidarisiert sich mit anderen Arbeiter*innenbewegungen um gegen die Entfremdung durch Lohnarbeit zu protestieren.

Im dritten Teil der Studie synthetisiert Saffioti die bisherigen Erkenntnisse. Ein neues Element der Rationalisierung dieser Verhältnisse ist die Wissenschaft. Wissenschaft im Kapitalismus diene nicht dazu herauszufinden, welche Ziele sinnvoll zu erreichen wären (und wie), sondern dazu, wie rational das Ziel der Profitmaximierung erreicht werden könne. Dazu kritisiert sie zunächst in Kapitel 10 und 11 andere Theorien über die Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Kapitel 10 kritisiert die von Freud ausgehende Psychoanalyse. Sie hätte Frauen als Mangelwesen dargestellt, die dadurch definiert seien, keine Männer zu sein. Freud habe, selbst als er nicht mehr an eine Unterlegenheit von Frauen glaubte, den „feminine mystique“ aktualisiert, indem er Frauen Attribute, wie Passivität zugewiesen habe. Kritik daran übte Margreat Mead (Kapitel 11), die mit Hilfe ethnologischer Methoden versuchte zu zeigen, dass die Stellung von Frauen nicht natürlich ist, sondern aus sozialer Evolution folgt und kontingent ist. Für sie folge allerdings, dass die Unterscheidung zwischen Frauen und Männern und die Zuweisung von spezifischen Eigenschaften eine kulturelle Errungenschaft ist. Frauen, die besonders talentiert sind, könnten allerdings diese Unterscheidung durchbrechen. Durch sie würde, wenn sie eine öffentliche Aufgabe wahrnehmen würden, ein Mehrwert für die Gesellschaft geschaffen. Dadurch, so Saffioti, würde die Theorie sich gegen Widerlegung wappnen. Falls eine Frau große Leistungen vollbringe, könne einfach behauptet werden, diese sei halt besonders talentiert. An beiden Theorien kritisiert Saffioti, dass sie bestimmte Aspekte falsch einschätzen würden. Die Psychoanalyse würde von der Psyche auf das soziale schließen (und dies auch noch mit einer sehr speziellen Stichprobe), Margreat Mead würde das Kulturelle überbetonen und die ökonomischen Faktoren ausblenden.

Im zwölften Kapitel wird schließlich untersucht, welchen Einfluss die Familienstruktur auf die Aufrechterhaltung der Arbeitsverhältnisse im Kapitalismus hat. Die Konkurrenzgesellschaft führt zwangsweise zu Spannungen, da Männer ständig um Arbeitsplätze konkurrieren müssen und gezwungen sind, in entfremdeten Arbeitsverhältnissen zu arbeiten. Um diese Spannungen auszugleichen, ist Konkurrenz in der kapitalistischen Familie ausgeschaltet. Der Man ist das unumstrittene Oberhaupt der Familie. Dadurch werden die Friktionen, die durch die Konkurrenz entstehen aufgehoben. Darüberhinaus bietet diese Struktur die Legitimation für die Unterdrückung von Frauen:

„In other words, not only are functional solutions to the problem of social existence indispensable for maintaining the structure of the system, but they also serve to reinforce the established order by furnishing its legitimacy, and in this way constitute a real barrier to sociocultural change. On the other hand the ineffectiveness of these solutions serves to generate tensions that may touch off processes of far-reaching structural change.“ (S. 276)

Also verursachen die gleichen Strukturen, die Legitimität des Systems herstellen auch ernsthafte Widersprüche innerhalb dieses Systems.

Kapitel 13 bietet schließlich eine Synthese der Erkenntnisse in einer Theorie, die aus den ökonomischen Verhältnissen erläutert, wie es zur Unterdrückung von Frauen in der Konkurrenzgesellschaft kommt. Neben der funktionalen Erklärung aus der Struktur der Familie, stellt sie hier die Perspektive der strukturellen Bedingungen der Arbeit heraus. Entfremdung der Arbeit hat in der Konkurrenzgesellschaft zwei Ebenen, eine subjektive und eine objektive. Die subjektive Ebene der Entfremdung entsteht aus der zunehmenden Fragmentierung der Arbeit. Mit dem nicht mehr zu erkennenden Ergebnis der Arbeit wächst auch die Unzufriedenheit mit der Arbeit. Gleichzeitig folgt die Entfremdung der Arbeit auch objektiv, indem die gesellschaftliche Produktion von Mehrwert im Widerspruch zur privaten Aneignung steht. Frauen sind davon gleich doppelt getroffen. Indem sie an Lohnarbeit teilnehmen, ist ihre Arbeit, wie bei jeder Lohnarbeit entfremdet. Andererseits ist es aber so, dass auch in der Hausarbeit Formen der Entfremdung auftreten, allerdings lediglich der subjektiven Dimension, da die Hausarbeit als notwendige unvermittelte Arbeit erkannt wird. Zusammenfassend folgt daraus, dass:

„A distinction […] between male praxis and female praxis is legitimate only in a general sense, and then only in measure as the class structure marginalizes women more than men“ (S. 296)

Es sei daher wichtig die Untersuchung der Rollen von Frauen und Männern im Kapitalismus weitergehend zu untersuchen.

In ihrer Einleitung zur englischen Übersetzung von 1978 nennt Eleanor Burke Leacock sechs Themen der Studie:

„(1) the economic marginalization of women in capitalist society; (2) functions served by family organization (or kinship, as Saffioti puts it) in capitalist society; (3) relations among sex, race, and class; (4) the organization of women in imperialist and in Third World nations; (5) science and the ideology of ‚feminine mystique‘; and (6) women and the struggle for socialism.“ (S. x)

Ihre Studie untersucht diese Themen unter Anwendung marxistischer Theorie. Beeinflusst ist sie unter anderem von Georg Lukács und Max Weber. Sie versucht die Analyse des sozialen Handelns mit der Analyse gesellschaftlicher Strukturen im Kapitalismus. Die gesellschaftliche Rolle von Frauen wird in funktionalistischen Begriffen gefasst.

Eine Schwierigkeit der Analyse besteht darin, dass der Funktionalismus offen lässt, warum gerade die gesellschaftliche Stellung von Frauen diese Funktion erfüllen soll. Warum hat sich gerade die Unterdrückung von Frauen als Stabilisierungsfaktor durchgesetzt und nicht eine andere Kategorie. Saffioti führt dafür die Rolle von Frauen vor dem Kapitalismus an und die Rolle von Frauen als Mutter. Gleichzeitig lehnt sie ab, dass biologische Faktoren einen Einfluss auf diese Stellung haben. Sie zeigt sogar, dass diese Argumente einer Prüfung nicht standhalten. Damit verbleibt aber die Frage, ob nicht genauso gut andere Formen der Ausgrenzung die integrative Funktion der Rolle der Frau ausfüllen können. Besonders, da durch die Unterdrückung der Frauen wiederum Friktionen im Kapitalismus entstehen. Auch die Funktion der Bereitstellung einer industriellen Reservearmee muss nicht von Frauen ausgeführt werden (das Argument führt auch Barbara Celarent an).

Trotzdem liefert die Studie wichtige Anregungen für die weitere Auseinandersetzung mit der Situation von Frauen im Kapitalismus. Wichtig dafür ist die These von der doppelten Unterdrückung von Frauen, zum einen durch ihre Stellung als Frauen, zum anderen durch die Ausbeutung der Klassengesellschaft. Dabei reduziert sie weder die Unterdrückung der Klassengesellschaft auf die Unterdrückung von Frauen, noch umgekehrt. Vielmehr werden die beiden Faktoren in ihrer gegenseitigen Verschränkung untersucht, bevor solche Analysen, in der Intersektionalitätsforschung institutionalisiert wurden. Neben der Unterdrückung durch das Klassenverhältnis und den Sexismus, wird auch der Rassismus thematisiert. Insofern ist die Studie einer der Vorläufer, bevor die großen Texte der Frauenbewegung im globalen Norden erschienen sind (Connell 2017: 12). Allerdings erfährt er keine eingehende Analyse, was eine der Leerstellen der Studie ist. Bedeutender ist jedoch die nicht vorhandene Darstellung indigener* Gruppen. Indigene* Gruppen werden lediglich einmal erwähnt (142f.). Ihre Situation wird jedoch nicht analysiert.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Beachtung internationaler Verflechtungen. Ausgehend von der Lage Brasiliens in der Weltwirtschaft wird die Entwicklung der Wirtschaft Brasiliens analysiert und die Folgen für die Stellung von Frauen untersucht. Dabei kann sie noch nicht auf das ausgereifte Begriffsinstrumentarium der Dependenztheorien, Weltsystemtheorie oder postkolonialer Theorien bauen, sondern muss eigene Wege bestreiten. Barbara Celarent bezeichnet die Studie als lokal auf die Verhältnisse in Brasilien ausgelegt. Dem ist zwar zuzustimmen, insofern sie speziell die Entwicklung in Brasilien analysiert, allerdings ist die Erkenntnis gerade, dass Analysen aus dem Zentrum kapitalistischen Wirtschaftens ebenso lokal sind, indem sie die Bedingungen in den Zentren als universale Kategorien sehen.

Lehrreich ist auch die Thematisierung von Handlungsstrukturen. In den letzten Jahren ist die soziologische Autobiographie besonders in Frankreich bekannt geworden (Eribon 2016 und 2017; Ernaux 2017 und 2018; Louis 2015, 2017 und 2019). In dieser Literatur wird diskutiert, wie sich die Klassenverhältnisse (Louis und Eribon), bzw. Sexismus (Ernaux) auf die Entwicklung junger Menschen auswirken und wie diese Denken und Handeln prägt. Gegenstand ist jeweils die Externalisierung von Vorstellungen über Menschen, die Saffioti als Verdinglichung der Idee über Männer (masculinity complex) und Frauen (feminine mystique). Diese Vorstellungen übersetzen sich auch in alltägliches Handeln und so kommt sie zu dem gleichen Ergebnisse, wie viele Berichte über Arbeiter*innenkinder an Universitäten. Daniela Dröscher (2018) hat gezeigt, wie sich Arbeiter*innenkinder systematisch unterschätzen im Vergleich mit anderen Personen, genau diesen Mechanismus beschreibt auch Saffioti (64f.). Sie zeigt allerdings hierüber hinaus, wie diese Mechanismen das bestehende Herrschaftssystem legitimieren.

In den letzten Jahren werden immer wieder (besonders von Antifeministen) Forderungen erhoben, die biologischen Gegebenheiten von Menschen bei der Bewertung dieser zu berücksichtigen. Bekanntestes Beispiel hierfür ist Jordan Peterson, der behauptet der „Kulturmarxismus“ würde zu einer Auflösung der traditionellen Geschlechterrollen beitragen und dies sei eine schlechte Entwicklung. Demgegenüber diskutiert Saffioti deutlich, dass soziale Fragen auch sozial gelöst werden können:

„Since civilization transforms natural problems into social problems, their solutions are also social.“ (59)

Auch wenn unklar bleibt, welche Rolle sie (vermeintlichen) biologischen Merkmalen zuschreibt (was vermutlich auch eine Ebene einer Weiterentwicklung sein könnte), macht sie wiederholt deutlich, dass diese Faktoren nicht wichtig sind. Vielmehr komme es darauf an, soziale Lösungen für die modernen Probleme zu finden.

Literatur:

  • Celarent, Barbara (2014): Rezension: Women in Class Society by Heleieth I. B. Saffioti. In: American Journal of Sociology, Vol. 119, No. 6. S. 1821-1827.
  • Connell, Raewyn (2017): Treffen am Rande der Angst. Feministische Theorie im Weltmaßstab. In: Lenz, Ilse; Evertz, Sabine; Ressel, Saida (Hrsg.): Geschlecht im flexibilisierten Kapitalismus. Springer: Wiesbaden. S. 9-29.
  • Dröscher, Daniela (2018): Zeige deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft. Hoffmann und Campe: Hamburg.
  • Eribon, Didier (2016): Rückkehr nach Reims. Übers. Tobias Haberkorn. Suhrkamp: Berlin.
  • Eribon, Didier (2017): Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Übers. von Tobias Haberkorn. Suhrkamp: Berlin
  • Ernaux, Annie (2017): Die Jahre. Übers. Sonja Finck. Bibliothek Suhrkamp: Berlin.
  • Ernaux, Annie (2018): Erinnerung eines Mädchens. Übers. Sonja Finck. Suhrkamp: Berlin.
  • Louis, Édouard (2015): Das Ende von Eddy. Übers. Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer: Frankfurt am Main.
  • Louis, Édouard (2017): Im Herzen der Gewalt. Übers. Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer: Frankfurt am Main.
  • Louis, Édouard (2019): Wer hat meinen Vater umgebracht. Übers. Hinrich Schmidt-Henkel. S. Fischer Verlag: Frankfurt am Main.

Was wissen wir: Die Abholzung des Regenwaldes in Brasilien

Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro hat bereits vor Beginn seiner Amtszeit klar gemacht, dass er den Regenwald in Brasilien verkleinern möchte. So wurde nach seinem Amtsantritt die Agrarlobbyistin Tereza Cristina zur neuen Regenwald-Beauftragten ernannt. Vorher leitete sie die Landwirtschaftsgruppe im Parlament (fr). Betroffen davon sind auch die Rechte Indigener* Gruppen im Amazonasgebiet. Im folgenden wollen wir für Euch die wichtigsten Informationen zu diesem Thema kurz zusammenstellen.

Der Amazonasregenwald umfasst insgesamt 8 Millionen Quadratkilometer, wovon 65% (5,2 Millionen Quadratkilometer) auf Brasilien entfallen. Er ist der weltweit größte noch erhaltene zusammenhängende Regenwald der Welt. Bei einer größe von 8,5 Millionen Quadratkilometer macht dies ungefähr 60% der Landfläche Brasiliens aus. Im Jahr 1990 waren es laut Informationen der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) noch 66% (Mongabay). Die Abholzung ist dabei in den letzten Jahren immer mehr zurück gegangen, im Jahr 1995 war sie am höchsten, 2012 am niedrigsten (faszination-regenwald). Die ZEIT hat ein Video veröffentlicht, dass das verschwinden des Regenwaldes in Brasilien dokumentiert. Weltweite Bedeutung hat der Regenwald auch dadurch, dass er als riesiger natürlicher CO2-Speicher gilt (germanwatch [pdf]). Aber auch andere Folgen für die Natur drohen durch eine weitere Rodung der Regenwälder. So regulieren die Wälder das Klima und sind ein Biotop für viele verschiedene Tierarten (watson). Allerdings hat der Klimawandel schon verschiedene Folgen für den Regenwald gehabt, so ist z.B. schon jetzt die greift Selbstregulierung mit Wasser angegriffen (SZ).

Die Abholzung der Regenwälder soll hauptsächlich wirtschaftlichen Interessen gelten. So soll durch die Abholzung (und oft auch illegale Brandrodungen) neues Ackerland für den Sojaanbau geschaffen werden. In den letzten Jahren ist die Nachfrage nach Sojaprodukten immer mehr gestiegen. Soja wird besonders in der Tierzucht als Tierfutter genutzt. Brasilien ist mittlerweile, nach den USA, der zweitgrößte Sojaproduzent der Welt. Durch den Handelsstreit zwischen China und den USA ist die Gefahr für den Regenwald durch Sojaanbau sogar noch gestiegen, da China nach alternativen Möglichkeiten sucht an Sojaprodukte zu gelangen (nature, FAZ, SPON). Aber nicht nur Sojaanbau, auch Viehzucht soll auf den neu geschaffenen Flächen betrieben werden (FAZ). Die Regenwaldböden sind besonders nährstoffarm (faszination-regenwald, siemens-stiftung [pdf]), daher sind verschiedene Methoden notwendig um Landwirtschaft sinnvoll betreiben zu können. Immer wieder kommt es zu illegalen Brandrodungen (morgenpost). Ein weiterer Wirtschaftsfaktor der Rodungen ist die Schaffung neuer Gebiete für den Abbau wertvoller Rohstoffe. Das Amazonasgebiet gilt als Raum, indem besonders viele Mineralien lagern (ntvdwSPON). Gerade mangelnde Sicherheitsvorkehrungen führen immer wieder zu Unglücken mit großen Folgen für die Umwelt (unser Bericht). Gleichzeitig wird geschätzt, dass Brasilien eines der größten Ölvorkommen der Welt besitzt, die sich zum Teil im Amazonasgebiet befinden (amerika21, SPON, NZZ). Für Präsident Bolsonaro ist die Ausbeutung dieser Ressourcen eine Frage der internationalen Gerechtigkeit (Deutschlandfunk, amerika21). Klimapolitik ist ihm dagegen nicht wichtig, vielmehr hat er die Weltklimakonferenz, die 2019 in Brasilien stattfinden sollte bereits abgesagt (ZEIT).

Die Regenwälder sind allerdings nicht unbewohnt. Große Teile von Indigenen* Gruppen leben in den Regenwäldern, die vom Staat ausgewiesenen Reservate liegen ebenso in den Regenwäldern. Insgesamt 13% der brasilianischen Landfläche sind als Reservate für Indigene* Gruppen ausgewiesen (survivalinternational). Viele Indigene* Gruppen sehen sich als „Hüter des Regenwaldes“ und versuchen diesen zu erhalten und zu schützen (ZEIT):

Jair Bolsonaro hat bereits früh angekündigt diese Situation verändern zu wollen. Immer mehr bisher ausgewiesene Gebiete sollen an Unternehmen verkauft werden, die vorhandene Ressourcen ausbeuten sollen (amerika21). 2017 hat ein brasilianisches Gericht noch den Verkauf von Schutzzonen verhindert (deutschlandfunk nova), doch nun ist die Situation wesentlich schwieriger geworden.

Indigene* Gruppen haben besondere Probleme durch die große Anzahl an Morden, die durch illegale Landnahme in den Regenwäldern begangen werden. Immer wieder kommt es dazu, dass Menschen ermordet werden, die sich gegen die Abholzung, bzw. Rodung, des Regenwaldes stellen (welt). Die Ankündigung Bolsonaros den Regenwald auszubeuten (watson, ntv) ist mit einer Verschärfung der Situation Indigener* Gruppen einher gegangen (amerika21, DerStandard, pressenza, taz). Doch bereits seit vielen Jahrzehnten gehen Agrarunternehmen gegen Indigene* Aktivist*innen vor. Paradigmatisch dafür ist der Mord an Chico Mendes am 22. Dezember 1988. Chico Mendes Ziel war es die Ressourcen des Regenwaldes nachhaltig zu nutzen und diesen als Lebensraum für Menschen und Tiere zu erhalten (ein kurzes Porträt im dlf Kultur):

„jenen gewaltigen und doch zerbrechlichen Lebenskreislauf, den unsere Wälder, Seen, Flüsse und Quellen bilden, zu schützen und zu erhalten – denn er ist die Quelle unserer Reichtümer, die Grundlage unserer Lebensformen und kulturellen Traditionen.“

Der neue Umweltminister teilte in einem Interview mit, er würde Chico Mendes gar nicht kennen (globo). Und das obwohl dieser einer der weltweit bekanntesten Aktivisten für die Rechte Indigener* war (amerika21):

„Chico Mendes ist ein brasilianischer Held, der sein Leben gegeben hat, um den Amazonaswald und seine traditionelle Bevölkerung zu verteidigen. Er war ein Gummi-Zapfer und kämpfte gegen die Rancher und die Regierung. Chico war eine Bedrohung für die Politik des Fortschritts, der die Welt auf diese nicht besonders bekannte brasilianische Region aufmerksam machte und von der UNO und der Welt anerkannt und gewürdigt wurde. Nun wiederholt sich die Geschichte in Brasilien. Auf der einen Seite stehen die Umweltaktivisten und die Bevölkerung der Wälder und auf der anderen die Landwirte und die Regierung. Und nun will der Umweltminister Chico Mendes wieder töten! Wer Chico Mendes war, weiß die ganze Welt. Aber wer ist eigentlich Ricardo Salles?“

Aber auch viele andere sind von massiver Gewalt betroffen. Regelmäßig werden Aktivist*innen ermordet (unsere Berichte zu Feminismus und Marielle Franco, sowie npla zu MST). Unsere Solidarität gilt ihren Angehörigen, Freund*innen und Mitstreiter*innen. Es sollte allerdings nicht übersehen werden, dass auch schon die Regierung Temer immer mehr gegen den Schutz des Regenwaldes unternahm (KoBra).

Jair Bolsonaros Politik ist dabei von einem sehr großen Zynismus geprägt. Einerseits wird die Landlosenbewegung MST immer mehr unter Druck gesetzt, wichtiger Teil dabei das neue Antiterrorgesetz (wir berichteten), indem Besetzungen als Terror bezeichnet werden sollte und mit sehr hohen Strafen belegt werden sollen. Andererseits ermöglichen die Umstände offensichtlich verschiedenen Personen Land illegal an sich zu reißen, wenn es vorher ungenutzt im Regenwald war. Besonders bitter daran ist, dass Landbesetzeer*innen immer wieder nicht mehr nutzbares Land wieder nutzbar gemacht haben und dabei einen wichtigen Teil zum Schutz der Natur geleistet haben (dw). Gerade im globalen Norden sollte allerdings nicht zu Selbstgewiss auf die Entwicklung in Brasilien geschaut werden. Beruht doch ein wichtiger Teil der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten 200 Jahre auf der Ausbeutung der Natur (vgl. Fraser 2015: 103ff), auch der Wald spielte dabei, besonders vorindustriell, eine große Rolle (Bernd-Stefan Grewe „Wald“ in Europäische Geschichte Online, hrsg. vom Institut für Europäische Geschichte (Mainz) [pdf]. Das ist natürlich kein Grund nicht den Regenwald in Brasilien zu schützen, sondern einer dafür nicht in Arroganz zu verfallen, auch zum Wohl jener Aktivist*innen, die tagtäglich ihr Leben und ihre Gesundheit riskieren oder riskiert haben.

Literatur:

Fraser, Nancy (2015): Krise, Kritik, Kapitalismus. Ein Leitfaden für das 21. Jahrhundert. In: Transit 46 (Winter 2014/2015). S. 92-115.

Zum Abschluss haben wir noch einige Videos rausgesucht, die Ihr Euch anschauen könnt:

Über die Arbeit eines Sondereinsatzkommandos in Brasilien gegen illegale Waldrodung (SPON):

Eine kurze Reportage von NDR Weltbilder über den Widerstand Indigener* Gruppen (Vorsicht dieser Beitrag ist sehr essensialisierend):

Schließlich eine arte-Dokumentation über die Natur im Amazonasgebiet:

Lese/Hörempfehlung

Aus Anlass des Besuches von Jair Bolsonaro in den USA hat die New York Times ihren Tagespodcast the daily Bolsonaro gewidmet. Es lohnt sich auch diesen Beitrag mit unserem Veranstaltungsbericht zur Veranstaltung mit Mario Schenk zu vergleichen.

Wer sich mehr für historische Zusammenhänge interessiert kann heute die aktuelle Ausgabe der Sendung eine „Stunde History“ auf deutschlandfunk nova anhören, die sich dem Militärputsch in Brasilien 1964 widmet.

Tragt Euch vielleicht bei der Gelegenheit auch den Termin für die Platzierung unser regelmäßiges Treffen zur aktuellen Situation in Brasilien ein. Hier findet Ihr die Facebook-Veranstaltung.

„I am because we are“ – Hintergrund: Porträt von Marielle Franco

Der März 2018 war begann als hektischer Monat in der Geschichte Brasiliens. Präsident Michael Temer setzte Anfang Februar das Militär zur Herstellung der öffentlichen Sicherheit in Rio de Janeiro ein. Marielle Franco, Mitglied der Câmara Municipal do Rio de Janeiro (quasi der Stadtrat Rio de Janeiros), kritisierte dieses Vorgehen wiederholt und besonders die immer größer werdende Gewalt gegen Bewohner*innen der Favela. Ende Februar wurde Marielle Franco zur Vorsitzenden einer Kommission ernannt, die Untersuchen sollte, welche Gewalt die Polizei in den Favelas ausübte (FAZ/MPH). Immer wieder wies sie auf die Ermordung von Jugendlichen in den Favelas hin (amerika21). Am 14. März 2018 fuhr sie zu einer Diskussion mit jungen Schwarzen* Frauen, die versuchten das politische Systems Brasiliens zu verändern. Dort verwies sie auf die Bedeutung des Einsatzes für eine größere Beteiligung von Frauen in der Politik (MPN):

During the black activists’ roundtable […] she said:

„We have a movement pushing for more women in politics, in power positions, more women occupying decision making spots, because that is the only way of getting more qualified public policies.“

Franco remembered two black women politicians who had come before her, ten years apart from each other, urging:

„We cannot wait another 10 years or think that I will be there for another 10.“

Auf dem Rückweg von dieser Veranstaltung wurde sie, laut Polizeiangaben, von einem anderen Auto verfolgt. Die Verfolger fuhren neben das Auto, schossen insgesamt neunmal auf  Marielle Franco und ihren Fahrer Anderson Pedro Gomes. Beide starben sofort. Eine Assistentin von Marielle Franco überlebte durch Glassplitter verletzt. Eindeutig handelte es sich dabei um einen Anschlag auf das Leben von Marielle Franco (Überblick: The Guardian).

Marielle Franco ist am 27. Juli 1979 in Maré, einem der ärmsten Stadtteile Rio de Janeiros, geboren. Bereits mit 11 Jahren begann sie zu arbeiten um das Familieneinkommen aufzubessern und sich ihre Ausbildung zu finanzieren (Folha de S.Paulo). 1998 wurde ihre einzige Tochter geboren, die sie alleinerziehend aufzog. Trotzdem setzte sie ihre universitäre Ausbildung mit einem Studium ab dem Jahr 2000 fort. Um ihren Lebensunterhalt und den ihrer Tochter zu sichern, unterrichtete sie zum Mindestlohn in einer Vorschule (OZY). 2000 begann sie auch ihr Engagement für Menschenrechte, nachdem eine enge Freundin von ihr durch einen abgelenkten Schuss getötet wurde (Folha de S.Paulo). An der Päpstlichen Katholischen Universität von Rio de Janeiro war sie eine von nur zwei Schwarzen* Frauen, die dort zu dem Zeitpunkt studierten. Finanziert wurde ihr Studium durch ein Stipendium und ihre Arbeit als Lehrerin. 2014 schloss sie ein Postgraduiertenstudium an der Universidade Federal Fluminense mit einer Arbeit über den Versuch die Favelas durch Polizeieinsätze zu befrieden ab (Link zur Arbeit [pdf]). In der Arbeit untersucht sie mit HIlfe von Loic Waquandts Modellen, wie die UPPs (Police Pacification Units) in den Favelas eine neoliberale Politik der massenhaften Einkerkerung von Menschen durchführen. Ihr Fallbeispiel ist die Favela Maré im Norden von Rio.

Neben dem Studium begann sie 2007 als Beraterin für Marcelo Freixo (PSOL) zu arbeiten. In dieser Funktion half sie das Komitee zur Verteidigung von Menschenrechten der Assembleia Legislativa do Estado do Rio de Janeiro (ALERJ) zu koordinieren. Daneben hat sie für verschiedene Kampagnen gearbeitet, wie das CEASM (Maré Zentrum für Studien und solidarische Aktionen), sowie die Brazil Foundation (rioonwatch). Für fast zehn Jahre ging sie dieser Tätigkeit nach, bis sie sich 2016 entschied für den Stadtrat Rios zu kandidieren (vice). Bei den Wahlen 2016 erlangte sie das fünfthöchste Ergebnis aller Kandidat*innen und wurde damit die einzige Schwarze* Frau im Stadtrat Rios (iGNiTE). Ihre Partei setzt sich besonders für einen Ausbau des sozialen Sicherungssystems und gegen die polizeiliche Gewalt ein. Marielle Francos Kampagne fokussierte auf ihre eigenen Erfahrungen (bbc) als Schwarze* queere Frau, die auch noch junge Mutter geworden ist und in der Favela aufgewachsen ist. Ihre Themen waren daher auch der Ausbau der öffentlichen Verkehrsmittel, um Frauen einen sicheren Nachhauseweg auch Abends zu ermöglichen und der Ausbau der Betreuungsmöglichkeiten, damit Mütter arbeiten gehen können. Außerdem setzte sie sich für zunehmende Sichtbarkeit von und gegen Gewalt an LSBTIQ* ein (OZY). Kurz vor ihrer Ermordung übernahm sie noch die Leitung der Kommission, die Polizeigewalt in den Favelas der letzten Wochen untersuchen sollte. Sie prangerte mutig all jene Morde, die durch die Polizei verursacht wurden an und setzte sich für die Opfer ein. Am 14.03.2018 nahm sie noch an einer Veranstaltung teil um Schwarze* Frauen in die Politik zu bringen, auf dem Weg nach Hause wurde sie dann durch vier Schüsse getötet. Sie hinterlässt ihre 20 jährige Tochter Luyara und ihre Freundin Mônica Benício (hier äußert sie sich im Guardian), die sie in diesem Jahr heiraten wollte.

Als Folge der Ermordung gab es große Proteste gegen die aktuelle Politik Brasiliens unter Temer und die andauernde Gewalt (Mädchenmannschaft, SPON). Mindestens 1.000 Personen demonstrierten am Sonntag 18.03.2018 gegen die Ermordung von Franco über die zentrale Straße Avenida Brasil (NYT). Auch in anderen Städten Brasiliens (France24) und sogar weltweit (ZEIT, NZZ) kam es zu Protesten. Regelmäßig kam es seitdem zu weiteren Protesten (RioOnWatch). Auf der Gegenseite nutze Präsident Temer die Situation, um weitere Verschärfungen der Polizeieinsätze in den Favelas durchzusetzen. Dreister Weise diente ihm gerade die Ermordung von Marielle Fanco als Begründung für mehr Polizeieinsätze, denen sie doch gerade so kritisch gegenüberstand. Wobei gerade die Medien versuchten, aus ihr ein Opfer jener Gewalt zu machen, gegen die (so diese Medien) nur weitere Gewalt durch Polizeibeamte helfen könne (The Intercept, NYT).

Auch ein Jahr nach dem Mord ist immer noch vieles unklar. Die Aufklärung wurde immer wieder verschleppt, sodass von verschiedenen Organisationen Kritik daran geübt wurde (z.B. der WHRDIC). Schnell wurden verschiedene Gruppen als mögliche Attentäter genannt. Dazu gehörten neben dem Militär auch die Milizen, die große Teile der Stadt mit Gewalt regieren (FAZ, NYT). Erste Festnahmen konnten im Dezember 2018 verzeichnet werden, als ein ehemaliger Polizist des Mordes beschuldigt wurde. Gleichzeitig wurden verschiedene Personen von der Polizei vernommen, von denen vermutete wurde, sie wären an dem Mord beteiligt gewesen. Der ebenfalls verhörte Abgeordnete Siciliano bestritt dabei beteiligt gewesen zu sein. Auch das Militär äußerte sich und vermutete einen Zusammenhang zu ihrem Einsatz gegen die Milizen (amerika21). Immer wieder fällt auf, dass die Polizei die Aufklärung des Verbrechens verschleppt (amerika21). Daher hat die Staatsanwaltschaft bereits früh beantragt, die Ermittlungen von Bundesbehörden durchführen zu lassen (npla).  Die derzeitigen Verdächtigen aus den Milizen weisen auf Immobiliengeschäfte als Motiv hin. Gleichzeitig sind die Mutter und die Ehefrau des Verdächtigen bei Bolsonaros Sohn angestellt (amerika21).  Vor wenigen Tagen sind nun zwei ehemalige Polizisten festgenommen worden, sie sollen den Mord minutiös geplant haben (SPON, BBC)

Immernoch ist Marielle Franco nicht vergessen. Immer mehr Schwarze* Frauen kandidieren für öffentliche Ämter, die NZZ spricht vom Marielle-Effekt. Viele Menschen haben sich von ihr in ihrer politischen Tätigkeit inspiriert gefühlt. Noch bei ihrer letzten Veranstaltung mit Schwarzen* jungen Frauen hat sie versucht diese zu politischer Tätigkeit zu bewegen. Es gibt eine Aufnahme davon bei YouTube). Paloma Gomes beschreibt (RioOnWatch) in einem Interview ihren Einsatz. Sie hat Marielle Franco gebeten ihr bei der Organisation einer Versammlung zu helfen, diese aber:

Her response was, ‘no, you’ll do the meeting your way, with the people you want, and I will show up to support whatever you do. You have all of the tools to do this.’ And I went and did just that. She provided support, she supported and was very happy [afterwards] when I sent her photos saying that I’d been blown away by the potentials of the neighborhood where I’ve always lived but which I’d never before noticed.

Sie verstand das Sich-Äußern und öffentlich in Erscheinung treten selbst als politischen Akt, wie sie in einem Brief (in englischer Übersetzung auf RioOnWatch) an Studierende der PUC mitteilte:

Sharing our concrete reality with others does not make us victims, especially not when we do so with the intention of seeking possible alternative paths to the barriers we encounter.

Auch in einem Interview wenige Wochen vor ihrer Ermordung äußerte sie sich dazu (Übersetzung ZEIT):

„Eine schwarze Frau zu sein, heißt, die ganze Zeit Widerstand zu üben und zu überleben.“

„Wir sind exponiert, uns wird täglich Gewalt angetan.“

Viele Frauen, die sich politisch engagieren, werden wegen ihres Engagements ermordet (auch weltweit [The Guardian]). Marielle Franco gehört zu diesen Frauen (ZEIT, The Guardian). Ihre Forderung war immer wieder, denen Gehör zu verschaffen, die sonst nicht gehört werden, wie bei ihrer letzten Veranstaltung (Autostraddle):

“Let’s Go, Let’s Go, Let’s Occupy Everything Together”

Immer wieder wird nun auf ein (angeblich aus Mexiko stammendes) Sprichwort verwiesen (ZEIT):

„Sie wollten uns begraben. Aber sie wussten nicht, dass wir Samen waren.“

Zusammen mit ihrem Kampagnenmotto „I am because we are“ erinnert ihre Einstellung an Ernst Blochs erstes Kapitel der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ „Zugang“:

Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst. Das Bin ist innen. Alles Innen ist an sich dunkel. Um sich zu sehen und gar was um es ist, muß es aus sich heraus. Muß sich herausmachen, damit es überhaupt erst etwas sehen kann, sich unter seinesgleichen, wodurch ein Ich bin, als nicht mehr an sich, zu einem Wir wird. Und draußen geht dem Ansich das Um-uns auf, worin Menschen stehen und unter, neben oder über ihnen Dinge. Als mehr oder minder abstoßende, mehr oder minder anziehende Fremdlinge zuerst; sie müssen so, als keineswegs selbstverständlich, erst gelernt werden. Dies Lernen bewegt sich völlig im Außen, ist darin fahrend und so erst erfahrend und so erst auch, mittels Draußen, das eigene Innen selber erfahrend. Der Mensch besonders ist auf diesem Weg nach außen angewiesen, damit er überhaupt nur wieder auf sich zurückkommen könne und so bei sich gerade die Tiefe finde, die nicht dazu ist, daß sie in sich, ungeäußert bleibe.

Es bleibt zu hoffen, dass all jene, die mit Marielle Franco diesen Weg gegangen sind, ihn jetzt weitergehen werden. Eine, die mit Marielle verlobt war, beschreibt in diesem Video, wie mit Marielle Franco gegangen ist und wie sie in Erinnerung an sie weitergeht. Wer noch mehr lesen möchte, dem seien besonders diese Artikel empfohlen:

Ein kurzes Videoporträt von NowThis World.

Titelbild von: Mídia NINJA

Veranstaltungshinweis: Linke im Fadenkreuz: Brasilien unter Bolsonaro im T-Keller

Gerne weisen wir Euch auf eine Veranstaltung im T-Keller (Geismar Landstraße 19, Göttingen) hin. Am Donnerstag den 14.03.2019 ab 20 Uhr wird Niklas Franzen über die Situation von Linken in Brasilien berichten, hier der Ankündigungstext:

„Linke im Fadenkreuz: Brasilien unter Bolsonaro

Seit dem 1. Januar ist ein rassistischer, patriarchaler und neoliberaler Waffennarr Präsident von Brasilien: Jair Messias Bolsonaro. Die Wahl von Bolsonaro bedeutet eine politische Wende: moral-konservativ, marktradikal und ultrareaktionär. Bolsonaros Kabinett ist eine bunte Mischung aus Abtreibungsgegner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und Agrarlobbyist*innen. Viele der neuen Minister*innen kommen aus dem Militär und beziehen sich positiv auf die brasilianische Militärdiktatur.

Auf Bolsonaros Kreuzzug gegen eine vermeintliche »Genderideologie« und einem herbeifantasierten »Kulturmarxismus« stehen insbesondere Linke, LGBTI* und Indigene im Fokus. Gesetze zu ihrem Schutz werden außer Kraft gesetzt, im Staatsapparat finden antikommunistische Säuberungen statt und mit einem Anti-Terror-Gesetz will die Regierung soziale Bewegungen bekämpfen. Als eine der ersten Maßnahmen lockert die neue Regierung die Waffengesetze und schon bald soll eine neoliberale Rentenreform verabschiedet werden, die vor allem die ärmsten Brasilianer*innen hart treffen wird.

Bolsonaros Hetze hat konkrete Auswirkungen: Landräuber dringen fast täglich in die Gebiete von Indigenen ein, Menschenrechtsaktivist*innen und Linke werden auf offener Straße umgebracht und Journalist*innen bedroht. Doch wie konnte der rechtsradikale Bolsonaro die Wahl gewinnen? Wer sitzt in der neuen Regierung? Was droht den linken Kräften vor Ort? Wie formiert sich der Widerstand gegen die rechtsradikale Regierung und was kann aus Deutschland für die brasilianische Linke getan werden?

Niklas Franzen ist Journalist und Redakteur bei der Tageszeitung »neues deutschland« (nd). Er hat für mehrere Jahre in São Paulo gelebt und zuletzt von der Präsidentschaftswahl aus Brasilien berichtet“

Fotocredit: Mídia NINJA

Hintergrund: Feminismus in Brasilien

Am heutigen internationalen Frauenkampftag stehen Feminist*innen in Brasilien vor großen Herausforderungen. Der neue Präsident und die ihm nahestehende Bewegung Freies Brasilien (Movimiento Brasil Libre) erhöhen mit mysoginer Rhetorik und handfester Gewalt die Gefährdung von Frauen und Mitgliedern sexueller Minderheiten (hierzu unser Bericht über die Situation von LSBTIQ* in Brasilien). Alle von Feminist*innen erkämpften Inhalte der Schulbildung sollen gestrichen werden (jetzt.de). In den letzten fünf Jahren hat die Movimiento Brasil Libre immer mehr Gewalt gegen Mitglieder verschiedener Minderheiten und eben auch gegen feministische Aktivist*innen ausgeübt (amerika21.de). Trauriger Höhepunkt davon ist der Mord an Marielle Franco am 14.03.2018 (KNA in der FAZ), aber auch die alltägliche Gewalt gegen Frauen nimmt zu (NZZ). 2017 hat eine Studie gezeigt, dass ein Drittel aller in Brasilien lebenden Frauen Opfer einer Form von Gewalt geworden sind. Besonders betroffen sind davon Schwarze* Frauen (Folha De S.Paulo). Trotz des 2006 eingeführten Gesetzes gegen häusliche Gewalt in Brasilien (Maria da Penha-Gesetz), steigt die Anzahl an Morden an Frauen (besonders an Schwarzen* Frauen) zunehmend (so ein UN-Bericht [pdf]). Als Auslöser dafür nennen Aktivist*innen die strukturellen Bedingungen in Brasilien, besonders um den Machismo (Anne Britt Arps in den Blättern für deutsche und internationale Politik). Doch es regt sich Widerstand gegen diese Umstände: feministische Aktivist*innen protestieren gegen den Machismo, die Morde an Frauen und die alltägliche Gewalt (Arps).

Die brasilianische Frauenbewegung beginnt bereits im 19. Jahrhundert. Vor allem bürgerlich liberale Frauen versuchten sich aus den Begrenzungen der privaten Lebenswelt heraus in die Öffentlichkeit zu begeben. Eine Vorreiterin darin ist Nísia Floresta (1810-1885). Mit Beginn der ersten Zeitungen Brasiliens konnte sie dort Artikel über Rechte von Frauen, Indigenen* und Sklaven veröffentlichen. Nebenbei übersetzte sie Bücher und leitete eine Schule für Mädchen in Rio de Janeiro. Ihr erstes Buch war „Women’s rights and men’s injustice“ (1832), eine Übersetzung eines Buches von Mary Wortley Montague. Sie gilt heute als erste Feministin Brasiliens (Davis e.a. 2006: 29f.; Matthews 2012). Eine andere wichtige Frau der Frauenbewegung Brasiliens im 19. Jahrhundert ist Francisca Senhorinha da Motta Diniz (?-1910). Sie gründete die Zeitschrift „O Sexo Feminino“, die besonders politische Gleichberechtigung für Frauen forderte. Gleichzeitig lehnte sie die Mitgift, die Sklaverei und die Todesstrafe ab (Morais 2011: 300ff, Smith 2014: 227). Sowohl bei Diniz, als auch bei Floresta sollten Frauen mit ihren speziellen Fähigkeiten den politischen Prozess verbessern. Besonders die öffentliche Sitchbarkeit von Frauen sollte erhöht werden (zu all dem auch Hahner 1990).

Mit Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen besonders die Kämpfe um das Frauenwahlrecht Gestalt an. Dieses konnte besonders durch die Bemühungen von Bertha Lutz (1894-1976) 1934 erreicht werden. Neben ihrer politischen Tätigkeit war sie am brasilianischen Nationalmuseum tätig, wo sie giftige Frösche studierte (drei Arten von Fröschen sind nach ihr benannt, sowie zwei Eidechsen). Bereits kurz nach Ende ihres Studiums 1919 begann sie mit der politischen Organisation von Frauen in Brasilien, indem sie verschiedene Gruppierungen gründete. Auch in internationalen Zusammenhängen tat sie sich hervor. Nach ihrem Abschluss in Jura (1933) unterstützte sie die Lateinamerikanischen Suffragettenbewegungen. Diese führten schließlich zur Einführung des Wahlrechts 1934 (1932 wurde es bereits beschlossen). In Brasilien gab es kaum Widerstand gegen die Einführung des Frauenwahlrechts, allerdings musste doch einiger Druck ausgeübt werden. Die Suffragettenbewegung war besonders durch ihre bürgerliche Herkunft und ihre nicht-militanten Mittel bekannt, was ihre Chancen erhöhte (Hahner 1978; Hahner 1990; Ana Maria Portugal in den Lateinamerika-Nachrichten 1997).

Auf diese erste Welle der Frauenbewegung in Brasilien folgte in den 1960er Jahren eine zweite, die sich besonders mit dem Militärregime auseinander setzen musste. Zunächst waren die Frauenbewegungen auf regimefreundliche Gruppierungen eingeschränkt, mit zunehmenden wirtschaftlichen Probleme und der Schwächung des Regimes wurde sie jedoch immer schlagkräftiger. Zentrales Kennzeichen waren dabei die Unterstützung der katholischen Kirche und der linken Gruppierungen, sowie das klassenübergreifende Handeln. Auch die afro-brasilianische Frauenbewegung wurde mit eingeschlossen. Alles war auf eine Demokratisierung der politischen Verhältnisse Brasiliens gerichtet. Die ersten Konflikte ergaben sich erst mit dem Beginn der freien Wahlen. Der Versuch, Frauen jeweils für die eigene Position gewinnen zu können zeigte wieder welche ideologischen oder Klassengegensätze bestanden, die im Engagement gegen die Militärdiktatur noch vernachlässigt wurden. Doch konnten einige wichtige Errungenschaften für Frauen erreicht werden, wie z.B. die Einführung des „Conselho National dos Direitos da Mulher“ (Nationale Rat für Frauenrechte, 1985) oder der Einrichtung von „Comisarias de Mulheres“ (Frauen-Polizeireviere) zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen (zu diesem Absatz: Daniel/Graf 2012).

Welche Bereiche sind nun für derzeitige Feminist*innen in Brasilien wichtig? Sicherlich gibt es viele unterschiedliche Themen, die für feministische Gruppen wichtig sind. Einige sind z.B. um ein spezielles Thema herum organisiert (wie z.B. die Rede Feminista Juristas [Facebook]). Allerdings lassen sich doch einige Themen ausmachen, die in den letzten Jahren besondere Beachtung gefunden haben. Neben der schon erwähnten Gewalt, die besonders im Kampf gegen den Machismo mündet, sind dies die Feminisierung von Armut, der Umgang mit sozialen Medien, das Engagement gegen das Verbot von Abtreibungen und der in den 80ern neu entstandene Afro-brasilianische Feminismus.

Trotz der mittlerweile vorhandenen Möglichkeiten der Teilhabe an politischen Prozessen, sind Frauen stark unterrepräsentiert in den Institutionen der Demokratie. Es ist daher schwieriger für Frauen ihre Positionen im politischen Prozesses durchzusetzen (Daniel, Graf 2012: 385ff). Soziale Medien bieten in den letzten Jahren allerdings zunehmend die Möglichkeit gegen diese Missstände anzugehen und sich eine Öffentlichkeit zu schaffen. In einem Bericht für amerika21.de berichteten Camila Nobrega und Cinthya Paiva von einer Vergewaltigung Ende Mai 2016. Ein Video davon wurde von einem der Täter in den sozialen Medien verbreitet. Allerdings wurde sich in den gleichen Netzwerken von Frauen für eine strafrechtliche Verfolgung der Täter eingesetzt. Demgegenüber standen die klassischen Medien, die kein Interesse an der Geschichte der betroffenen Frau hatten und diese lieber in Zweifel zogen:

Es ist diese Doppelrolle der virtuellen Netze, die uns veranlasst, über das Internet, wie es derzeit genutzt wird, nachzudenken.

Gerade junge Feminist*innen, wie AzMina (girlup), nutzen die sozialen Medien, um ihre Erfahrungen darstellen zu können. Bruna Rangel (Gründerin des feministischen Blogs „Não Me Kahlo“  hat im Gespräch mit Caren Miesenberger dies folgendermaßen zusammengefasst:

„Viele halten das Internet für einen Ort, an dem nur oberflächliches, unvollständiges Wissen vermittelt wird. Für uns ist es ein alternatives Mittel, das andere Artikulationsformen vervollständigt“

Vor der Präsidentschaftswahl 2018 hatte sich der Protest dann auch unter dem Hashtag „Ele não!“ versammelt (SPON).

Auch in der Auseinandersetzung mit dem Machismo (ila) spielen die sozialen Medien eine große Rolle, werden doch über sie viele der Protestaktionen angeschoben. In einer im April 2014 erschienen Studie [pdf] zeigte das „Institute for Applied Economic Research“ (IPEA), dass mehr als die Hälfte der brasilianischen Männer frauenverachtenden Äußerungen zustimmen würden, insbesondere solchen, die Frauen selbst die Schuld an einer Vergewaltigung geben (rp). Unter dem Hashtag #NãoMereçoSerEstuprada (Ich verdiene es nicht, vergewaltigt zu werden) veröffentlichten viele Frauen Bilder, in denen sie sich gegen die Schuldzuweisung an Vergewaltigungen wandten (Huffington Post, AZ, sz). Besonders der Weltfrauenkampftag ist für viele Organisationen ein wichtiges Datum, um die Kritik am Machismo auf die Straße zu tragen (tdh ch). 2018 sollte auch der Karneval für den Protest gegen den Machismo genutzt werden (Handelsblatt, SPON). Seit ca. 2015 ist die „Ni Una Menos“ (Nicht eine mehr) Bewegung im Kampf gegen den Machismo in ganz Latein- und Mittelamerika führend. Der Protest richtet sich gegen die alltägliche Gewalt, die Frauen begegnet, und besonders gegen die weiter steigende Zahl an Morden an Frauen. In Brasilien auch mit der Kampagne „meu primeiro asseido“ (mein erster erlittener Missbrauch) verbunden (Blickpunkt Lateinamerika). Aber auch darüber hinaus setzen sich die Proteste gegen soziale und ökonomische Ungleichheiten in Lateinamerika ein (Arps).

Armut ist ein großes Problem in Brasilien. Besonders betroffen sind davon Frauen, noch mehr Schwarze* Frauen. Strukturelle Probleme, wie der ungleiche Zugang zum Arbeitsmarkt (Frauen werden hauptsächlich im informellen Sektor angestellt und erhalten niedrigere Löhne), der ungleiche Zugang zu Landrechten und der ungleiche Zugang zu Führungspositionen führen zu der zunehmenden Feminisierung von Armut. Zusätzlich belastend kommt die Familiensituation hinzu. Immer mehr Frauen sind alleinerziehend und müssen alleine für das Familieneinkommen einstehen. Eine leichte Entlastung haben verschiedene staatliche Programme, wie „Bolsa da Famìlia“ (das unter dem neuen Präsidenten aufgelöst werden soll), gebracht (Daniel/Graf 2012: 391f.). Armut bedeutet in der Regel auch ein größeres Risiko, Gewalt ausgesetzt zu sein oder zu erkranken. Die Zika-Epedimie in Lateinamerika hat so auch besonders arme Frauen, darunter auch mehr Schwarze* Frauen, getroffen. Die NGO „Anis – Institutiio Bioética“ setzt sich für eine verstärkte Wahrnehmung der Opfer der Epidemie ein. Ziel ist es über eine Verfassungsbeschwerde (potentiell) Betroffene mit wichtigen Informationen und Rechten, wie dem Recht auf Schwangerschaftsabbruch zu versorgen (Debora Diniz im Gespräch mit amerika21). Um die Erfahrungen der betroffenen Frauen in den Mittelpunkt zu stellen, hat die NGO einen Film gedreht, der sie ins Zentrum stellt (portugisisch mit englischen Untertiteln):

Die Rolle, die ZIKA gerade für arme Frauen gespielt hat, zeigt die Bedeutung der Diskussion über den Schwangerschaftsabbruch. Das Verbot von Schwangerschaftsabbrüchen hat tödliche Konsequenzen, gerade für jene, die nicht über viel Geld verfügen. Illegale Schwangerschaftsabbrüche sind mit einem hohen Risiko verbunden, zusätzlich gibt es eine breite Ächtung von Personen, die einen Schwangerschaftsabbruch vorgenommen haben (amerika21.de). Ausgelöst durch ein Gerichtsurteil von 2016, das Schwangerschaftsabbrüche in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten nicht verfolgen möchte, wuchs die Hoffnung auf ein Ende des Verbotes von Schwangerschaftsabbrüchen (Welt). Bereits 2017 sollte dies allerdings zu dem Versuch einer Verschärfung des Gesetzes zum Schwangerschaftsabbruch führen; war ein Abbruch vorher noch in drei Fällen, sollte dieser nun ganz verboten werden. Eine Sonderkommission, die besonders auf Druck von evangelikalen Gruppen eingerichtet wurde, forderte eine Verschärfung der Gesetzte (Blickpunkt Lateinamerika). Gegen dieses Gesetzesvorhaben regte sich großer Protest. 2018 wurde schließlich wieder versucht das Gesetz zu liberalisieren, ein Antrag der PSOL (Partido Socialismo e Liberdade) führte zu einer Anhörung am Obersten Gerichtshof, sowie zu großen Protesten für die Liberalisierung (npla). Jair Bolsonaro hat bereits angekündigt auf keinen Fall einer Abschaffung des Verbotes von Schwangerschaftsabbrüchen zuzustimmen, die Proteste gehen weiter (latina-press). Einen Überblick über die Proteste und die Folgen liefert ein Interview von Niklas Franzen mit der Aktivistin Bruna Rocha in den LN 498 (S.17-19).

Die brasilianische Nation wurde auf dem festen Glauben, es gäbe keinen Rassismus, gegründet. Daher wurde viele Jahre keine Forschung über rassistische Strukturen in Brasilien durchgeführt, diese wurde sogar verhindert. Aber selbst wenn Forschung über rassistische Strukturen durchgeführt wurde, galt der Schwarze* Mann als Model. Umgekehrt wurde in Forschungen über Geschlechterverhältnisse die Weiße* Frau als Model genommen (mit Einschränkungen eine Ausnahme: Saffioti [1967]1978). Um sich gegen diese Vernachlässigung zu wehren, begannen sich in den 1980ern, neben den anderen feministischen Gruppen, autonome Gruppen von Schwarzen* Frauen zu bilden. Diese wollten den Erfahrungen von Schwarzen* Frauen in Brasilien Öffentlichkeit geben (Lebon 2007: 57f.). Der afro-brasilianische Feminismus versteht sich häufig als Intersektional, d.h. es wird neben dem Rassismus und dem Feminismus, auch die Frage nach ökonomischer Ungleichheit gestellt. Im Jahr 2015 wurde, um die Gewalt gegen Schwarze* Frauen in Brasilien zu kritisieren, der „Marcha das Mulheres Negras“ organisiert, bei dem über 10.000 Schwarze* Frauen in Brasilia (der Hauptstadt Brasiliens) gegen die alltägliche Gewalt demonstriert haben (einen Überblick über die Gewalt liefert die Mapa da Violência 2016 [pdf] von Juli Jacobo Waiselfisz) (theroot.com). Raquel de Souza hat die Erfahrung dieser Demonstration so zusammengefasst (awid.org):

“It was a historic moment. Because this march was the first time that black women from all over Brazil have gathered together at this level, at the national scale. To march led by women because, you know, in the black movements in Brazil, [many of the visible] leaders are black men. So for women to come together like this is a powerful statement.”

Der afro-brasilianische Feminismus erkämpft sich immer mehr Räume, muss aber auch immer mehr mit Gewalt und dem gesellschaftlichen Backlash, der nur seinen Höhepunkt in der Wahl Bolsonaros findet, umgehen (eine Analyse dazu in Newsweek 18.11.2016).

Wie wir gesehen haben, ist der brasilianische Feminismus breit aufgestellt und erkämpft sich immer mehr Räume. Nicht nur die zunehmende Gewalt gegen (besonders Schwarze*) Frauen ist ein Thema, sondern auch immer mehr kulturelle Projekte, mit denen mehr Öffentlichkeit geschaffen wird (hier z.B. über Rapmusik in der taz oder im srf), viel dieser Kunst macht die Gewalt zum Thema (hier z.B. „Río da Paz“ in Blickpunkt Lateinamerika) zeigt aber auch ein utopisches Element über die bestehenden Verhältnisse hinaus. Neben dem vielfältigen (und auch mit unterschiedlichen, tlw. auch kontradiktorischen) Stimmen, die Feminismus in Brasilien ausmachen, muss hier allerdings auch an jene Frauen erinnert werden, die sich täglich den widrigen Verhältnissen zu Hause, als Mutter, Arbeiterin oder sonstwo stellen und sich Freiräume erkämpfen, die bei einem Blick auf den Aktivismus zu leicht vergessen werden.

In einem ihrer letzten Texte fasst Mariella Franco die aktuelle Situation von Feminist*innen in Brasilien zusammen und schlägt vor, wie weiter vorzugehen sei. Dieser ist in den LN in deutscher Übersetzung publiziert worden.

Schreibt in die Kommentare, wenn Ihr noch mehr wichtige Strömungen oder Gruppen des Feminismus in Brasilien kennt, die wir hier vernachlässigt haben, oder wenn Ihr noch Verbesserungen einfügen wollt! Schließlich wollen wir noch zwei Rapperinnen aus Brasilien sprechen lassen:

Literatur:

    • Caldeira, Teresa P.R. (1998): Justice and Individual Rights. Challenges for Women’s Movements and Democratization in Brazil. In: Jaquette, Jane; Wolchik, Sharon (Hrsg.): Women and Democracy. Latin American and Central and Eastern Europe. JHUP. S. 75-104.
    • Daniel, Antje; Graf, Patricia (2012): Genderpolitik – Geschlechterverhältnisse in Brasilien zwischen Wandel und Tradierung. In: de la Fontaine, Dana; Stehnken, Thomas (Hrsg.): Das politische System Brasiliens. VS-Verlag. S. 381-403.
    • Davis, Catherine; Brewster, Claire; Owen, Hilary (2006): South American Independence. Gender, Politics, Text. LUP.
    • Hahner, June Edith (1979): The Beginnings of the Women’s Suffrage Movement in Brazil. Signs, 5(1), 200-204.
  • Hahner, June Edith (1990): Emancipating the Female Sex. The Struggle for Women’s Rights in Brazil, 1850-1940. DUP.
  • Lebon, Nathalie (2007): Beyond Confronting the Myth of Racial Democracy: The Role of AfroBrazilian Women Scholars and Sctivists. In: Latin American Perspectives, 34 (6). S. 52-76
  • Matthews, Charlotte Hammond (2012): Gender, Race and Patriotism in the works of Nísia Floresta. Tamesis.
  • Morais, Isabel (2011): 90. „Equality of Tights“ (1890). Francisca Diniz. In: Wayne, Tiffany (2011): Feminist Writings from Ancient Times to the Modern World. A Global Sourcebook and History. ABC-Clio. S.300-303
  • Saffioti, Heleieth I.B. ([1967]1978): Women in Class Society. Translated from Portugese by Michael Vale. Monthly Rreview Press.
  • Smith, Verity (2014): Concise History of Latin American Literature. Routledge.